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Abenteuerspielplatz

KAI — Kai Jerzö — Jerzovskaja — Bauspielplatz, Abenteuerspielplatz, Robinsonspielplatz

KAI
Kai Jerzö
‘Jerzovskaja’

– Welcome to the Here and Now –



     


Meine Zeit als Bauspielplatzleiter


— Erinnerungen —



Frühe Prägung


Vom 1. August 2015 bis zum 31. Oktober 2017 leitete ich den Bauspielplatz Zürich-Affoltern, ab März 2017 jeweils zu zweit in Co-Leitung. Es war eine erfahrungsreiche, dichte, kraftvolle und schöne Zeit.

Aufgewachsen als Kind von in der Jugendarbeit sehr engagierten Eltern, wollte ich mithelfen, Kindern in der Stadt jene abenteuerlichen Spielräume zu eröffnen, die mich in meiner eigenen Kindheit verzaubert und geformt haben.

Mein Vater leitete von 1973 bis 1981 als erster langjähriger Leiter das Jugendhaus und Freizeitzentrum ‹Hallauerhus› in Effretikon und wirkte später unter anderem von 1981 bis 1985 als erster Leiter des Gemeinschaftszentrums (GZ) in Zürich-Affoltern – zunächst noch im Provisorium im alten Restaurant beim Katzensee, später in den neuen Räumlichkeiten zwischen Zürich-Affoltern und Unteraffoltern.

So habe ich als eines der Kinder auf dem Effretiker ‹Robinson-Spielplatz› (bei der Moosburg gelegen) Hütten gebaut und im Jugendhaus ‹Hallauerhus› Bienenwachskerzen gezogen. Im GZ Affoltern spielten meine Brüder und ich als kleine Buben auf der riesigen Kegelbahn (die mittlerweile nicht mehr in Betrieb ist), werkten in den toll ausgestatteten Holzwerkstätten und schlichen durch die Kulissen der Bühne im großen Saal.

Als frisch diplomierter Gestaltungslehrer habe ich ab 1997 in vielen Oberstufenklassen der Stadt Zürich Zeichnen, Werken und Fotografie unterrichtet, so auch mehrere Jahre in Zürich-Affoltern. Später war ich, zunächst parallel zur Lehrtätigkeit, viele Jahre selbstständiger Illustrator und Buchproduzent, bis mich der Niedergang der Zeitungs- und Buchindustrie zwang, mich wirtschaftlich neu zu orientieren.

Sinnstiftend sollte es sein, und mich – zumindest zeitweise – vom doch sehr einsamen Zeichentisch befreien. Ich bewarb mich beim Bauspielplatz beim Glaubtenplatz in Zürich als Leiter im Stundenlohn und wurde in der Folge eingestellt.


Der Bauspielplatz als Welt


Mir war es wichtig, dass man mit dem Eintreten in das exakt 100 mal 100 Meter große Gelände eine Welt betrat, in der es keine Denkverbote gibt, in der das eigene Experimentieren, Ausprobieren und das Sich-selber-Erleben die Hauptthemen sind. Ein Bauspielplatz wird zum lebendigen und beseelten Ort durch die Kinder und Menschen, die ihn bespielen und immer wieder neu umgestalten und beleben. Auf einem Bauspielplatz ist fast alles erlaubt, was einen selbst oder die Mitmenschen nicht in Gefahr bringt oder belästigt und wobei Natur, Werkzeug und die Werke anderer respektiert werden.

Innerer Kompass für mein Wirken auf dem Bauspielplatz waren für mich Fantasieräume wie Pippi Langstrumpfs «Villa Kunterbunt». Bestätigung und Belohnung waren stets lachende, konzentrierte oder ins Spiel vertiefte Kinder, die gar nicht mehr nach Hause gehen wollten, wenn sie erst einmal bei uns auf dem Platz waren. In dieser Spiel- und Abenteuerwelt, in diesem freien (Er-)Forschungslabor für das eigene Wesen begegnet man sich selbst, kann – in der eigenen Person angemessenen Geschwindigkeit und Intensität – Ängste überwinden oder Sehnsüchten nachträumen und sie ausleben und erlangt dabei Klarheit und Bewusstsein über eigene Vorlieben und Grenzen.


Haltung und Verantwortung


Von mir selbst als Bauspielplatzleiter habe ich stets verlangt, dass ich klar, bestimmt, freundlich und mitfühlend kommuniziere, dass ich Sicherheit ausstrahle, dass ich alle gleich behandle – Erwachsene wie Kinder, wobei für mich die Kinder immer die Hauptpersonen waren – und dass ich darauf beharre, dass die wenigen Regeln (Respekt vor Menschen, Natur und Werkzeug) eingehalten werden.

Daneben hatte ich für die bauliche Sicherheit zu garantieren, was manchmal ziemlich aufwendig war, wenn wieder einmal ein junger Held oder eine junge Heldin eine Treppe durchgesägt hatte oder die Feuchtigkeit und die Asseln ihr Werk getan hatten und das Holz morsch war.
Der Schutz der Integrität aller Menschen auf dem Bauspielplatz war mir stets oberstes Gebot. So konnte es auch vorkommen, dass ich Eltern freundlich mit einem Gespräch oder einem Kaffee am Feuer ablenkte, damit ihre Kinder für einige Minuten oder auch Stunden ihre eigenen Erfahrungen machen konnten, ohne dass die Eltern (über-)behütend und mit ihren tausend Ängsten ausgestattet eingriffen.

Ich freute mich über Familien, Kindergruppen und Horte, die sich an den Elementen Erde, Luft, Feuer und Wasser und am Miteinander freuten, die den Alltag hinter sich ließen, ihre Smartphones vergaßen und ihren eigenen Körper und ihr inneres Feuer spürten.
Der Platz gleich neben der Leiterhütte war für mich ein Ritualplatz, und das große Feuer in der Feuerschale war der kräftig reinigende Initial- und Begrüßungsort, um den sich jeden Mittwoch- und Samstagnachmittag die dörfliche Gemeinschaft neu gründete.


Lernen durch Erleben


Kinder müssen wild sein können und sollen lustig herumtoben dürfen. Sie müssen sich erleben und spüren können, ausprobieren, wie weit sie gehen können und wo ihre eigenen Grenzen liegen. Gewisse Dinge muss man üben, üben und nochmals üben, bis man sie kann.

Durch das freie Spielen und das Erleben am eigenen Körper lernt man stetig dazu, wird selbstbewusst, wird sich des eigenen Körpers und der eigenen Gestaltungskraft bewusst: Nur durch Fallen lernt man fallen. Nur durch Singen lernt man seine freie Stimme kennen, nur durch Lachen entdeckt man, wie nahe das Lachen beim Weinen liegt – und umgekehrt. Nur durch selbstständiges Hämmern lernt man, einen Nagel richtig einzuschlagen. Dass ein «Schpiise» (oder «Sprießel») kein Weltuntergang ist, wird beim zweiten Mal klar, wenn man den ersten längst entfernt und vergessen hat.

Bei mir galten stets drei Regeln: Sorgfalt im Umgang mit dem Material, Sorgfalt im Umgang mit den Mitmenschen, Sorgfalt im Umgang mit der Natur. Dies beinhaltete auch Respekt und Achtung vor dem bereits Gebauten, vor den Werken anderer und vor der Natur. Nicht zuletzt ist das Bauspielplatzgelände ja auch ein kleines Naturreservat, in dem Blindschleichen, Spinnen, Wespen und Feldmäuse leben.

Wenn ich heute zurückdenke, sehe ich viele Kinder vor mir – und eines ganz besonders: meine eigene Tochter. Sie war oft auf dem Platz, bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen Holz, Feuer und Erde, als hätte sie nie etwas anderes gekannt. Ich sehe sie, wie sie verträumt über den Platz läuft, irgendwo zwischen Hütten, Brettern und Seilen verschwindet, später wieder auftaucht – mit leuchtenden Augen, schmutzigen Händen und einer Geschichte im Gepäck, die nur sie so erleben konnte.

Sie liebte diesen Ort. Und vielleicht ist es genau das, was bleibt: dass es solche Orte gibt – für Kinder, die ihren eigenen Weg suchen, und für Erwachsene, die ihnen den Raum dafür lassen.
Ich finde, wir haben einen der schönsten Bauspielplätze der Schweiz. Ich danke Christine Dickey und den Visionären, die mit ihrer Beharrlichkeit und ihrem unermüdlichen Wirken diesen Wunderort möglich gemacht haben und am Leben hielten. Möge der Bauspielplatz als sich stets verändernde Oase auf immer da sein. Ohne Schilder, was erlaubt und was verboten ist. Denn das Leben selbst ist gefährlich, nichts, was wirklich wichtig ist, ist beschildert, und jeder braucht einen inneren Kompass.


— KAI —

© Kai Jerzö, geschrieben im Januar 2018.



Hier geht’s zum Bauspielplatz im Hier und Heute:
www.bauspielspass.ch


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