KAI — 22 Football Heroes (Herzglut Books, 2026)

22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja

KAI
Kai Jerzö
‘Jerzovskaja’

The Story of Football Heroes.



Jerzö, Kai (Autor, Illustrator):

22 Fussballhelden

Das Kult-Sammelbilderalbum von 1998
mit Internet-Tagebuch und anderen Überlebensberichten


von Jerzovskaja


Wiederentdeckt und neu herausgegeben von Kai Jerzö


Herzglut Books, 2026



— Das Sammelbilderalbum aus einer Zeit, als ein Kioskbesuch noch ein Abenteuer war. —



Das Problem mit den Doppelten


Zur Fußball-WM 1998 erscheint «22 Fussballhelden» als winziges Büchlein mit 28 dazugehörigen Sammelstickern in Tüten: handgemacht und in Kleinstauflage.

Nach einem Kurzauftritt des Autors Jerzovskaja in einigen Zürcher WM-Bars, vier Schweizer Zeitungen und im Lokalfernsehen Tele Züri (gleich nach einem obskuren griechischen Geistheiler) verschwindet das Mini-Sammelbilderalbum so schnell wieder, wie es gekommen ist.



Jerzovskaja, die Figur hinter den Fußballhelden


Gerade von der Kunstschule abgegangen, versucht KAI aka Jerzovskaja 1997, in der Medien- und Werbewelt der Zürcher Yuppie-Agenturen, Modezeitschriften und Zeitungen Fuß zu fassen.

Er kauft sich die Website illustration.ch und pflanzt sich als einer der ersten Illustratoren weltweit ins Netz.

1998 gilt ein russisch klingender Künstlername wie «Jerzovskaja» in der bodenständigen Schweiz als ausreichend exotisch und exzentrisch, um als kreativ zu gelten.

Ein Frauenname erhöht zudem die Chance, Illustrationsaufträge von Modezeitschriften zu erhalten, die sich die Frauenförderung auf die Fahne geschrieben haben, während sie gleichzeitig dem Ideal der magersüchtigen Hausfrau frönen, die für ihren Milliardär zu Hause kocht und den Swimmingpool reinigt.

Und so konstruiert KAI aus seinen Namen «Kai» und «Jerzö» («Jerzö vs. Kai») sein Künstlerpseudonym.

Aussprechen kann es keiner, und schreiben schon gar nicht.

Nicht gerade der Smart Move, wenn man eine Weltkarriere anstrebt.



Inhaltsverzeichnis



Vorwort 2026
Warum dieses Metaobjekt wieder auftaucht


Zum Aufwärmen
Das Original-Vorwort von 1998


22 Fussballhelden
Das Album


Internet-Tagebuch 1998
Die Entstehungsgeschichte des Wahnsinns


Nachspiel 2026
Was ist aus den Helden geworden?



Vorwort 2026


Warum dieses Metaobjekt wieder auftaucht



3467 Sammelbilder. 561 Plätze. 1 fehlendes Bild.

Und ein Mensch, der zu viel über Fußballbilder nachdenkt.

Manche Dinge verschwinden nicht.

Sie liegen 28 Jahre in einer Schachtel. Zwischen alten Entwürfen, vergessenen Disketten und den heiligen Dosen voller Liebesbriefe und Stofftiere. Irgendwann werden auch die ehemaligen Objekte der Begierde und Trägermaterialien der Ewigkeit entrümpelt, damit sie würdevoll verabschiedet werden können.

1998 erscheint «22 Fussballhelden» als ironische Antwort auf die große Sammelbildindustrie. Das dazugehörige Internet-Tagebuch entsteht als Versuch, darauf aufmerksam zu machen. Dazu habe ich die Website illustration.ch erworben.

«22 Fussballhelden» ist nicht einfach ein Sammelbilderalbum, sondern ein kleines Metaobjekt. Ein ironischer Kommentar auf Fußballkultur, Sammeltrieb, Marketing und die eigene Besessenheit.

Erstaunlicherweise ist es ziemlich gut gealtert.

Ein Büchlein über Fußball. Über das Sammeln. Das Ordnen. Das Zählen. Den Perfektionismus. Den Wahnsinn des Konsums.

Das begleitende Internet-Tagebuch ist Wandzeitung, Werbung und ironisch überhöhte Entstehungsgeschichte des Wahnsinns.

Wer über Wochen dokumentiert, wie er sich über fehlende Spieler, schief eingeklebte Porträts und überzählige Torhüter Gedanken macht, liefert irgendwann keine Werbung mehr.

Er liefert eine Diagnose.

Hier also nochmals die Geschichte eines Menschen, der auszieht, 561 Bilder zu sammeln – und dabei feststellen muss, dass der Preis hoch ist.


— KAI
 (Kai Jerzö aka Jerzovskaja), im Juli 2026


( Siehe dazu auch die Website von anno dazumal: http://www.illustration.ch/ )



Zum Aufwärmen


Das Original-Vorwort von 1998



Der Stürmerstar mit stierem Blick,
den Ball verzückt ins Netz rein kickt.
Der Torwart diese Bombe sieht,
sich darauf schnell ins Eck verzieht.
Der Trainer flucht, der Geifer fliegt,
doch letztlich stets der Fußball siegt.


Das offizielle Fußballweltmeisterschafts-Sammelalbum von Panini weist dieses Jahr 561 nummerierte Rahmen auf. Diese müssen überklebt werden, vorzugsweise mit den dazugehörigen Bildchen.

Eine Herausforderung, die verwegene Männer zu ihrem Auftrag machen, den sie eifrig zu erfüllen versuchen. Sie scharen sich um den Kiosk, um Stoff zu beschaffen.

Eine Tüte mit fünf zufällig zusammengewürfelten Klebebildern kostet 70 Rappen. Schnell hat man trotz Tauschen 200 Franken ausgegeben. Denn mit jeder Tüte, die man neu dazukauft, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass man Spieler erwirbt, die man schon hat.

Mittlerweile habe ich 3467 Kleber, und drei Viertel der Typen gefallen mir nicht. Lächeln tut keiner.
Das Stadion von Bordeaux habe ich zwölf Mal, der linke Außenverteidiger der Chilenen verfolgt mich im Schlaf.

Aber wie komme ich zu Abdelkrim El Arrakiri?

Mit Aufkleben verbringe ich pro Spieler 23 Sekunden, was gesamthaft gesehen vielleicht dreieinhalb Stunden macht.

Dennoch hat mir mein Chef zehn Stunden Arbeitszeit vom Lohn abgezogen und mit der Konfiskation des Albums gedroht, sollte er mich nochmals mit Bildchen im Büro erwischen.


Der Krach mit meiner letzten Frau an der WM 1994 kommt mich teuer zu stehen. Weil ich Georgji Zdravakonov den Kopf gestreichelt habe, als ich ihn endlich hatte, schläft meine Frau fortan getrennt von mir.

Dem Gerichtshof muss ich einen der teuersten Bildchentransfers aller Zeiten erklären.

Die Scheidungsabfindung kostet mich den Rest des Ersparten, 34’675 Franken, und den Fernseher haben sie bei der Pfändung auch gleich mitgenommen.

Den Final sehe ich mir im Schaufenster des Radio- und Fernsehgeschäfts an der Straßenecke an.

Zum Glück wird mir der vom Gericht verordnete Psychotherapeut zur Hälfte vom Staat bezahlt.


Ich habe das mal hochgerechnet:
Ein Panini-Bildchen kostet im Schnitt 83 Franken 60.

Das können Sie jetzt billiger haben:
Um Ihnen ein Schicksal wie meines zu ersparen, habe ich für Sie die Quintessenz der vergangenen WM-Alben im Büchlein «22 Fussballhelden» zusammengetragen.

Mit dem eingesparten Geld können Sie sich dann vielleicht an der nächsten WM in vier Jahren ein Eintrittsbillet auf dem Schwarzmarkt ergattern …


— Jerzovskaja, im April 1998



22 Fussballhelden


Das Album



22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
01 — Brickwall van der Tor
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
02 — Blackbox Gnasher
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
03 — Evil Hangman
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
04 — Bobo Douchebag
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
05 — Rasputin Grandseigneur
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
06 — Jekyll Hyde
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
07 — Fridge Wifebeater
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
08 — Ringo Thickplank
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
09 — Adolf Dribbler
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
10 — Victor Strangler
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
11 — Rocky Smashdit
12—Electro Zamboni
12 — Electro Zamboni
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
13 — Die Hard Snorer
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
14 — Wardrobe Armstrong
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
15 — Admiral Knockout
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
16 — Hattrick Goalgetter
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
17 — Rake Temper
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
18 — Ruffian Rauhbein
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
19 — Gnome Throttler
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
20 — Scarecrow Longlegs
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
21 — Bulldog Growler
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
22 — Fancy Bloodhound
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
23 — Rambo Gallbladder
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
24 — Kamikaze Braker
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
25 — Hurricane Orcus
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
26 — Smart Killer
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
27 — Fuck Mountain
22 Football Heroes — 22 Fußballhelden — Jerzovskaja
28 — Macker Studley


Internet-Tagebuch 1998


Die Entstehungsgeschichte des Wahnsinns



24/4/1998


Ich stehe am Kiosk vor der Panini-Kartonbox, als wäre ich zufällig vorbeigekommen.
Ein paar Sekunden später habe ich schon fünf Päckli Bildli gekauft.
Die Bilder werden mit jedem Turnier teurer. Ein Päckli kostet jetzt 70 Rappen, das Album zwei Franken fünfzig.
Mal schauen, ob ich mir das leisten will.
Zu Hause starre ich zuerst jede einzelne Doppelseite des Albums lange an.
Dann reiße ich das erste Päckli auf:
Ein magisches Ritual!
Sofort bin ich wieder ein kleiner Junge.
Das Beste: noch keine doppelten Bilder.
Für einen Moment ist meine Welt in Ordnung.


25/4/1998


Ich klebe die ersten 25 Bilder ein.
Vor lauter Aufregung zittere ich so sehr, dass Didier Deschamps nun schief sitzt.
Nicht ein bisschen.
Er ist, als würden die Franzosen bergab spielen.
Das Album kann ich jetzt eigentlich bereits fortschmeißen.
Es kann nur noch bergauf gehen.


28/4/1998


Fünf Päckli: viermal Saudi-Arabien.
Khalid Al-Muwalid, Ibrahim Al-Harbi, Obeid Al-Dosary und Ibrahim Al-Sharani. Okay, gut, ja: Aber ein Paul Scholes wäre auch mal schön.
Vor dem Einkleben lasse ich die Bilder jeweils auf mich wirken.
Luis Hernandez grinst, als würde er von einer Zahnpastafirma gesponsert.


29/4/1998


G. hat mir gemailt.
Er ist mit seinem Bürostuhl aus Versehen über Thierry Henry gerollert und hat ihm das Gesicht zusammengefaltet.
Es gibt Schäden, die gehen einem wirklich nahe.
Dafür kann ich ihm nun maximal noch Estanislao Struway mit dem Nasenpflaster geben.
Noch schlimmer ist allerdings mein eigenes Missgeschick.
Während ich darüber nachdenke, ob Bixente Lizarazu nun oberhalb der Lippe einen Druckfehler oder doch einen Spuckfleck hat, klebe ich Marcel Desailly dahin, wo eigentlich Emmanuel Petit hingehört.
Ich versuche eine Viertelstunde lang, das Bild wieder herauszulösen, doch es sitzt bombenfest.
Nun lasse ich mir den kleinen Fingernagel an der rechten Hand wachsen, als Präzisionswerkzeug für zukünftige Notfälle.


30/4/1998


Ein rabenschwarzer Tag!
Als ich mit dem Portemonnaie voller Geld beim Dealer meines Vertrauens ankomme, ist der Karton mit den Bildchen weg.
Stattdessen steht dort jetzt ein Korb voller Zuckerstangen.
Als hätten Zuckerstangen je eine Weltmeisterschaft gewonnen.
«Panini sind ausverkauft!», piepst P.
«Da werden die Kinder bestimmt traurig sein …»
Die Kinder?!


2/5/1998


R. schreibt aus Italien.
Dort kostet eine Tüte Sticker halb so viel wie hier.
Ich rechne aus, wie viele Bilder ich kaufen muss, damit sich die Reise nach Italien lohnt.
Es sieht aus, als könnte ich mir mit genügend Sammelbildern einen Gratisurlaub in Rimini ermöglichen!


5/5/1998


Ich ertappe mich beim Gedanken, Vorräte anzulegen.
Man weiß ja nie, wann die nächste Versorgungskrise ausbricht.


6/5/1998


Der gestrige Abend in der Kneipe war rückblickend ein Fehler:
Heute sehe ich alles doppelt.
Von 25 neuen Bildern sind 16 Doppelte!
Øyvind Leonhardsen aus Norwegen ist sogar zweimal in der gleichen Tüte!
Was will mir Panini damit mitteilen?
Sollte Ole Gunnar Solskjaer morgen zweimal auftauchen, stoppe ich mit Sammeln und setze im Wettbüro alles auf die Wikinger!
David Hopkin aus Schottland sieht aus, als würde er den Kopf ausschließlich zum Klären hoher Bälle benutzen und mit einem Medizinball trainieren.


7/5/1998


Ich studiere die Angaben zu den Spielern:
Größe. Gewicht. Verein.
Über Lieblingskäse oder Angst vor Spinnen erfährt man dagegen nichts.


8/5/1998


Aus Angst vor Lieferengpässen kaufe ich auch mal zehn Tüten und verstecke die Hälfte davon in meiner Wohnung.
Am nächsten Tag tue ich so, als würde ich aus Versehen über die Bilder stolpern:
Die Freude ist groß!


11/5/1998


Scheinbar muss Frankreich um jeden Preis gewinnen bei dieser WM in Frankreich.
Jedes dritte Sammelbild ist ein Franzose.
S. meint, der französische Staatspräsident Chirac habe das Abwerfen von Atombomben auf das Mururoa-Atoll 1996 nur gestoppt, weil man ihm zugesichert habe, dass Frankreich 1998 ins Endspiel kommt.


13/5/1998


Iran: Fehlanzeige.
Außerdem müssen sie auf einer einzigen Seite Platz finden, mit jeweils zwei Spielern auf einem Sticker.
Auch die Jamaikaner werden auf eine Seite mit Doppelstickern zusammengepfercht.
Ich bin allerdings erstaunt.
Erwartet habe ich tiefenentspannte Reggae Boyz mit Rastalocken, doch Linval Dixon / Durrent Brown und Paul Hall / Deon Burton sehen aus wie Elitesoldaten mit Kurzhaarschnitt.


16/5/1998


Heute sind einige gut aussehende Spieler dabei:
Masayuki Okano (Japan), Roberto Ayala (Argentinien) und Dejan Govedarica aus Jugoslawien.
Dafür sieht Englands Torwart David Seaman mit seinem Riesenschnauzer aus wie ein Überbleibsel aus der Vorne-kurz-hinten-lang-Frisuren-Kollektion von 1982.


18/5/1998


Über das Wochenende bin ich mit Freunden in Tirol.
Es findet sich weit und breit keine Bildertüte.
Erst auf der Rückfahrt bei einer Autobahnraststätte werden wir fündig.
Aus lauter Großzügigkeit lasse ich meine Begleiter ebenfalls ein Päckli öffnen.
Sie sollen auch mal erleben, wie sich Hoffnung anfühlt.
Im einen sind vier Kameruner, im anderen vier Kolumbianer.
Vielleicht ist bei Panini die Mischmaschine kaputt?


21/5/1998


Heute kommt Post von D.
Sie schickt mir 30 Doppelte.
Darunter: Paul Scholes.
Ich schaue ihn lange an, bevor ich ihn einklebe.
Man soll wichtige Momente nicht überstürzen.
Doch weil die Briten der «Merlin’s Official England World Cup Sticker Collection» die Exklusivrechte am Shirt verkauft haben, sehen die Engländer nun aus wie Kasperlefiguren mit Kartontrikot.


25/5/1998


Noch ist keine Mannschaft komplett.
Das Album aber beginnt bereits auseinanderzufallen.
Herr P. hat noch immer keine neuen Paninibilder.
Langsam glaube ich, Herrn P. ist die WM schnurzpiepegal.
Ich spüre, wie das Oberlid meines rechten Auges zuckt.


28/5/1998


Es liegen wieder Panini-Päckli im Regal.
Herr P. ist rehabilitiert.
Ja, er ist ein Wohltäter, ein Förderer des Sports, ein stiller Held des Alltags!
In der dritten Tüte befindet sich mein erster Mexikaner: Cuauhtémoc Blanco.
Ich betrachte ihn wie in Trance.
Es ist erstaunlich, wie rasch man seine Ansprüche im Leben neu ordnet.
Vor einem Monat noch hätte ich mich über einen Lottogewinn gefreut.
Heute reicht bereits ein Mexikaner.


30/5/1998


Der Stapel mit den Doppelten hat inzwischen eine beachtliche Höhe erreicht, die ich nicht länger ignorieren kann.
Ich habe beschlossen, eine Rangliste jener Spieler zu erstellen, mit denen ich mittlerweile problemlos meine Wohnung tapezieren könnte.
Unangefochten auf Platz eins: Abdellatif Arraki, neun Exemplare.
Sollte ihm vor der WM etwas zustoßen, kann ich problemlos Ersatz liefern.
Knapp dahinter folgen Bernard Tchoutang und Dietmar Kuhbauer, je siebenmal!
Auch andere Köpfe sind in einer Stückzahl vorhanden, die nach gewerblichem Handel aussieht.
Ich frage mich, ob irgendjemand auf der Erde den einzigen mir noch fehlenden Nigerianer, Peter Rufai, schon einmal gesehen hat?


10/6/1998


Morgen beginnt die WM.
Und mir fehlen noch immer 87 Bilder!
Von den Südkoreanern habe ich nur das silbrige Wappen.
Ich habe aufgehört auszurechnen, wie viel Geld ich schon ins Album gesteckt habe.
Im Zimmer stehen überall Schachteln mit Stapeln voller doppelter Sticker herum.
Die Gesichter der Nationalspieler Belgiens kommen mir mittlerweile bekannter vor als die Köpfe meiner Bürokollegen.


12/6/1998


Heute beginnt die WM.
Alle diskutieren, ob Brasilien, England, Frankreich oder Deutschland Weltmeister wird.
Mich beschäftigt eine viel schwerwiegendere Frage:
Wie komme ich zu den fehlenden Stickern?
Einige Lücken verhindern, dass mein Album offiziell als vollständiges Werk der Weltgeschichte anerkannt werden kann.
Der Iran fehlt weiterhin.
Herr P. erkennt mich inzwischen von weitem.
Die Luft wird langsam dünn.


18/6/1998


Heute habe ich einen Doppelten gegen einen Doppelten getauscht.
Es fühlt sich an, als hätte ich eine komplizierte diplomatische Vereinbarung zwischen den USA und dem Iran ausgehandelt.
Die beiden Länder liegen sich im Album genau gegenüber.
Da sich in den USA niemand für Fußball interessiert und im Iran kaum jemand Paninibilder kauft, begegnen sie sich ausgerechnet hier – auf zwei Doppelstickern im Mikroformat.


19/6/1998


Ich beginne, meine Zeitgenossen beim Kiosk zu beobachten.
Wenn jemand fünf Päckli kauft, frage ich mich:
Hat diese Person einen Plan?
Hat diese Person ein Ziel im Leben?


23/6/1998


Ich wiege mein Album.
Die Doppelten wiegen mittlerweile viermal so viel wie das Album selbst.
Meine Freundin schenkt mir das Bildchen von meinem Lieblingsfußballer Zinedine Zidane.
Sie meint, er sehe so aus wie ich, sei im Sternzeichen Krebs wie ich, habe heute Geburtstag und würde wegen seines Temperaments öfter mal die rote Karte sehen.
Wie ich.
Happy Birthday!


24/6/1998


Brasiliens Ronaldo ist heute endlich im Päckli und ich klebe ihn passgenau ins Feld 28.
Danach klebe ich den französischen Fußballhelden Zidane mit der Nummer 10 sorgfältig ins Feld mit der Nummer 164:
Brasilien und Frankreich sind komplett!
Gerne möchte ich die kaputte Visage des zusammengestauchten Thierry Henry reparieren.
Doch keiner will einen Henry tauschen, auch jene nicht, die ihn doppelt haben.
Vielleicht muss ich doch mit Acrylfarbe ans Werk?


28/6/1998


Mir fehlt noch genau ein Bild.
Natürlich könnte ich jetzt aufhören.
Vielleicht ist ein vollständiges Panini-Album ja gar nicht das Ziel?


1/7/1998


Heute habe ich das letzte fehlende Bild bekommen.
Meine Freundin hat es für mich aufgetrieben.
Weil sie sich sonst von mir trennen muss, sagt sie.
Das Bild liegt vor mir auf dem Tisch.
Ich starre es an.
Dann klebe ich es langsam ein.
Das Album ist komplett.
Ich lege es auf den Tisch.
Ich gehe zum Kiosk.
Nur um zu schauen, ob noch Panini da wären.



Nachspiel 2026


Was ist aus den Helden geworden?



Die Welt hat sich verändert.
1998 kleben Millionen Menschen Fußballbilder in Alben.
Heute sammeln sie Likes, Follower, digitale Figuren, virtuelle Gegenstände und seltene Pixel.
Damals geht man zum Kiosk.
Heute öffnet man eine App.
Damals fehlt einem ein Bild.
Heute fehlt einem ständig etwas anderes.
Die Mechanismen sind erstaunlich ähnlich geblieben:
Sammeln.
Ordnen.
Vergleichen.
Vervollständigen.
Und die leise Hoffnung, dass genau das nächste Stück endlich alles perfekt macht.


Als «22 Fussballhelden» 1998 erscheint, ist es vor allem eine Parodie auf die große Sammelbildindustrie.
Ein kleiner Gegenentwurf zu Panini.
Ein Büchlein über Klebebilder, über Marketing und über die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, einem kleinen Stück Papier eine Bedeutung zu geben, die weit über seinen Materialwert hinausgeht.
Fast drei Jahrzehnte später funktioniert das Prinzip noch immer.
Vielleicht sogar besser.
Denn aus Sammelbildern sind inzwischen ganze digitale Ökosysteme geworden.
Aus Spielern werden Marken.
Aus Trikots werden Verkaufsflächen.
Aus Turnieren globale Unterhaltungsmaschinen.
Aus dem Sammeln wird ein permanenter Zustand.
Die Jagd nach dem nächsten Objekt hört nie auf.


Vielleicht sind die alten Holzköpfe deshalb gar nicht so weit von der Gegenwart entfernt.
Sie sind schon 1998 Figuren in einer Welt, in der Menschen für ein kleines Stück Papier erstaunlich viel Energie aufbringen.
Sie nehmen den Fußball nicht auseinander.
Sie nehmen den Menschen auseinander, der ihn sammelt.
Denn die eigentliche Hauptfigur dieses Buches ist nicht der Fußballer.
Es ist der Sammler.
Der Mensch, der glaubt, dass ein fehlendes Bild niemals nur ein fehlendes Bild ist.


Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte hinter jedem Sammelalbum:
Man sammelt nicht nur Dinge.
Man sammelt Hoffnung.
Man sammelt Ordnung.
Man sammelt die Vorstellung, dass am Ende alles vollständig sein könnte.
Bis man das letzte Bild einklebt.
Und merkt, dass Vollständigkeit kein Ziel ist.
Sondern ein vorübergehender Moment im Hier und Jetzt.


A World of Imagination

Kai Jerzö